Schneewalzer und Trail Running

6 06 2011

Zwei Wochen ist er schon wieder her, der Rennsteig-Marathon. Hier kommt meine Zusammenfassung:

Samstag, 21. Mai 2011
2 Uhr

Mein Wecker klingelt. Eigentlich hätte ich ihn nicht stellen müssen. Lag ich doch schon eine gefühlte Ewigkeit wach. Dank feierfreudiger Nachbarn war an Schlaf nicht wirklich zu denken gewesen. Aber hatte ich nicht gerade letzte Woche erst noch gelesen, dass es nicht die letzte Nacht vor einem Wettkampf ist, auf die es ankommt, sondern die vorletzte Nacht? Gut, zumindest in der vorletzten Nacht hatte ich genügend geschlafen. Ich bin auch jetzt nicht wirklich müde, aber Kaffee muss jetzt trotzdem sein.

3 Uhr
Ich steige ins Auto und verharre für einen Moment. ‘Warum tue ich mir das an?’ Vor mir liegen 3-4 Stunden Autofahrt (google und mein Navigationssystem scheinen sich nicht ganz einig zu sein) nach Neuhaus am Rennweg. Ich gebe zu, dass sich meine Aufregung in Grenzen hält.

3:30 Uhr
Vielleicht sollte ich doch noch einen Kaffee zu mir nehmen?

6:30 Uhr
Ankunft in Neuhaus am Rennweg. Hier ist ja nichts los. Dafür das in nicht ganz drei Stunden 3000 Läufer an den Start gehen sollen sieht alles ganz verschlafen aus. Bin ich hier überhaupt richtig? Ach ja, da sind ja schon einige Schilder zur Anmeldung.

6:40 Uhr
Ich habe meine Startunterlagen und, fast genauso wichtig, einen gelben Beutel für meine Wechselklamotten. Der Rennsteig-Marathon ist ein Punkt-zu-Punkt-Lauf. Man packt also seine Sachen, die man am Zielort gerne hätte in diese Säcke, schreibt seine Nummer drauf und lässt sie dann in den Zielbereich transportieren.
Ich schaue mich noch ein wenig um. So langsam kommt Leben in den Startbereich, aber nach 3000 Läufern sieht es immer noch nicht aus. Wo gibt es denn hier Kaffee?

7:00 Uhr
Ich habe mich ins Auto zurückgezogen für ein zweites Frühstück. Pb&J Sandwiches sind mein absolutes Lieblingsfrühstück, zumindest vor einem Rennen.

7:30 Uhr
Es regnet. Na toll. Meiner Stimmung tut dies nicht gerade gut. In den Autos um mich herum wird man wach. Anscheinend haben nicht wenige die Nacht in ihren Autos campiert. Hm, keine schlechte Idee fürs nächste Jahr. So schnell wie der Regen gekommen ist, so schnell verzieht er sich auch wieder. Das könnte ja doch noch ein netter Tag werden.

8:00 Uhr
Hat da einer der Parkplatzcamper sein Radio zu laut gestellt? Ich höre ganz schlechte Volksmusik. Nein, es ist nicht einer der Camper: auf dem Startplatz hat sich eine Blaskapelle eingefunden und dazu knödeln ein Marianne-und-Michael-Verschnitt Volkslieder. Das ist jetzt ein Witz, oder? Wie sich herausstellt, ist dem nicht so.

8:30 Uhr
Mittlerweile finden sich immer mehr Läufer ein. Nachdem die Sonne vom Moderator begrüsst wurde (sic!), bittet er jetzt alle zum Schneewalzer. Ich komme mir vor wie in einer Episode ‘Twilight Zone’.

8:45 Uhr
Prominente Gäste begrüssen die Läufer. Zunächst die Landrätin, gefolgt von der Bürgermeisterin. Keine Ahnung, was in Neuhaus so politisch passiert, aber es macht den Eindruck, dass Landrätin und Bürgermeisterin sich nicht sonderlich mögen… Vielleicht bin ich aber auch noch nicht wirklich wach.

8:50 Uhr
Das Startareal ist gut gefüllt und jeder scheint in bester Stimmung zu sein. Aus irgendwelchen Gründen bin ich das nicht. Ich möchte diesen Lauf eigentlich nur hinter mich bringen.

9:00 Uhr
Start
Es dauert einige Minuten bis ich über die Startlinie trabe. Nach dem ersten ‘Anstieg’ hellt sich meine Stimmung auf. Meine Beine spielen mit, die Sonne scheint, es ist weder zu warm, noch zu kalt, und ich freue mich auf ein paar schöne Trails.

9:30 Uhr
Immer noch auf Asphalt unterwegs. Ich hätte die Beschreibung der Strecke genauer lesen sollen. Wann geht es denn jetzt auf die Trails?

9:40 Uhr
Ich komme durch die erste Verpflegungsstation. Und greife mir einen Becher Wasser. Oh man, da ist ja Kohlensäure drin… ‘Ne, stilles Wasser haben wir nicht.’, antwortet man mir als ich Nachfrage, ‘Aber Du kannst Cola haben…’ Ich lehne dankend ab und zwinge noch einen Becher Wasser runter.

9:43 Uhr
Ahh, endlich geht’s auf die Trails.

9:50 Uhr
Ich rechne ein wenig. Eigentlich hatte ich mir keine spezielle Zeit vorgenommen, hatte aber überschlagen, dass ich nach 5 bis 5.5 Stunden im Ziel sein sollte. Aber momentan sieht so aus, als würde ich unter fünf Stunden bleiben können.

10:15 Uhr
Die zweite Verpflegungsstation. Ich spare mir die Frage nach stillem Wasser und begnüge mich mit dem sprudelnden Wasser. Ich bin aber auch wirklich durstig. Ich hatte eigentlich gedacht, ich hätte die letzten Tage ausreichend getrunken. Aber irgendwie fühle ich mich ein wenig dehydriert.

10:20 Uhr
Hm, vielleicht könnte ich sogar unter 4:30 Stunden bleiben… Die Stimmung ist gut.

11:05 Uhr
Wir werden von lauter Schlagermusik am Masserberg empfangen. Ich bin der letzte, der bei Laufveranstaltungen eine ‘Samba’-Band an jeder Ecke braucht, aber die hiesige Musikuntermalung ist echt grenzwertig. Ich weiss ja, dass es diese Veranstaltung schon fast 40 Jahre gibt, aber muss man denn unbedingt die Musik von damals spielen?
Die Verpflegungsstation hier am Masserberg ist riesig
und es gibt alles, was das Herz begehrt (allerdings kein stilles Wasser). Soll ich den berühmten
‘Schleim’ probieren? Lieber nicht, es sind noch mehr als 20 Kilometer zu laufen. Keine Experimente.

11:10 Uhr
Es geht zum ersten Mal etwas steiler bergab und ich spüre eine Schmerz in meinem rechten grossen Zeh. Der Schuh scheint nicht richtig geschnürt zu sein und ich stosse ‘vorne’ an. Man, das hat mir jetzt noch gefehlt. Sollte dies der erste Lauf sein, bei dem ich einen Nagel einbüsse? Ich versuche ein wenig mit der Schnürung zu spielen, in der Hoffnung, dass es besser wird. Aber es geht auch schon bald wieder bergauf, und alles ist gut.

11:25 Uhr
Interessante Streckenführung. Eine Art ausgetrocknetes Bachbett oder Hohlweg. Technisch dies der bisher anspruchvollste Teil der Strecke. Immer wieder bilden Wurzeln und Steine Stufen über die man nur leicht stolpern kann. Es geht bergab und es würde sicherlich Spass machen, hier herunter zu wetzen, aber wir gehen. Es ist aber auch nicht genug Platz zum Überholen.
Vielleicht auch gut so, in meinem Übermut würde ich mir sicherlich noch die Ohren brechen.
Mal kurz nachgerechnet… 4:30 Stunden schaffe ich wohl doch nicht mehr… Das wären ja nur noch zwei Stunden…

11:50 Uhr
War das gerade Donner?

12:20 Uhr
Ja, da ist ganz eindeutig ein Gewitter in der Nähe. Es regnet jetzt. Nicht viel. So ein bisschen halt. Eigentlich eine ganz angenehme Abkühlung.

13:00 Uhr
Der Regen ist mehr geworden und so langsam macht es keinen Spass mehr. 10 Kilometer noch.

13:20 Uhr
Das Wasser steht bis zur Oberkante in meinen Schuhen. Hätte ich vielleicht doch zu den Goretex-Schuhen greifen sollen. Interessante Frage. Aber müßig.

13:35 Uhr
Letzte Verpflegungsstation. Es regnet in Strömen. Ich kann mich nicht erinnern, jemals so nass bei einem Lauf gewesen zu sein. Ich bin absolut genervt, die Stimmung ist zumindest bei mir auf dem Nullpunkt. Das kann man nicht von den Freiwilligen an der Verpflegungsstelle behaupten. Die sind wirklich gut drauf und haben ein freundliches Wort für jeden übrig. Und endlich läuft hier auch eine andere Hintergrundbeschallung. Aber für mich kommt das alles zu spät. Ich will wirklich nur noch nach Hause…

13:40 Uhr
Ich spüre, wie durch das ganze Wasser die Haut an meinen Füßen weich wird und sich so langsam lösen möchte.

13:45 Uhr
Hm, der Regen wird weniger. Noch einige wenige Kilometer bist ins Ziel. Vielleicht bin bis dahin wieder trocken. Meine Beine sind schwer und ich gehe ein Stück. Ein Zuschauer am Wegesrand spielt auf einem Akkordeon ‘Mein Vater war ein Wandersmann’. Na, vielen Dank dafür.

13:50 Uhr
In Schmiedefeld. Ein letzter Anstieg noch zum Stadion. Der Regen hat vollständig aufgehört, aber das hilft mir nicht mehr. Ich bin nass und müde.

13:55 Uhr
Im Ziel. Gierig greife ich nach einem Becher mit heissem Tee. Erst jetzt merke ich, dass ich wirklich durchgefroren bin. Ich schaue mich um. Trotz des Wetters haben einige tausend Menschen ins Stadion gefunden. Die Stimmung ist toll. Aber so richtig freuen kann ich mich nicht. Ich bin glücklich, dass ich meinen ersten Marathon (mit 43.5 Kilometern war es eigentlich sogar ein kleine Ultramarathon 🙂 ) ‘gefinished’ habe, aber trotzdem ist mir nicht wirklich nach feiern zu mute.
Ich suche meine Tasche mit den Ersatzklamotten, ziehe mir etwas Trockendes über. Die Haut an meinen Füssen ist weiss und aufgequollen. Es gibt eine empfindliche Druckstellen, aber ansonsten bin ich glimpflich davon gekommen. Das war es dann für heute. Ich stelle mich in die Schlange der Menschen, die auf den Busschuttle nach Neuhaus warten.

16:00 Uhr
Zurück am Auto. Ich telefoniere mit meiner Frau, um sie wissen zu lassen, dass ich den Lauf überstanden habe und ich mich nun auf den Heimweg mache. Ich freue mich wirklich auf zu Hause.

17:30 Uhr
Ich stoppe an einer Raststätte, um mich ein wenig zu strecken. Nur mit Mühe schaffe ich aus dem Auto. Erst jetzt merke ich, dass meine Beine wirklich gelitten haben. Ich eiere also ein wenig über den Parkplatz, um den Blutkreislauf zu stimulieren. Man, was müssen die anderen Leute gedacht haben…

19:30 Uhr
Ich bin wieder zu Hause. Meine Kraft reicht noch gerade aus, um mich auf’s Sofa zu ziehen und von dort eine Pizza zu bestellen.

23:00 Uhr
Zeit, ins Bett zu gehen.

Sonntag, 22. Mai 2011
10:00 Uhr

Ich wache auf und muss erfreut feststellen, dass sich meine Beine gar nicht so schlecht anfühlen. Aber dennoch werde ich ein paar Ruhetage einlegen.

Fazit
Ich muss sicherlich noch etwas an meiner Leistung arbeiten. Es kann gut sein, dass ich die Langen Läufe in den letzten Monaten vernachlässigt habe und das rächt sich jetzt.

Die nächtliche Autofahrt war sicherlich nicht sehr hilfreich. Ich weiss aber nicht, ob ich mich frischer gefuehlt haette, wenn ich im Auto geschlafen haette.

Auch wenn es bei diesem Lauf regelmäßig Verpflegungsstationen gab, habe ich nicht ausreichend getrunken. Nächstes Mal sollte ich eine kleine Flasche mitbringen zur Reserve.

ULTRASports ist immer noch mein ‘Lieblingsgel’. Oder zumindest das Gel, mit dem ich am besten zurecht komme.

Der Rennsteig-Marathon ist ein toller Lauf. Die Strecke ist anspruchsvoll, aber sicher nicht zu anspruchsvoll. Eine schöne Mischung aus Trail- und Landschaftslauf. Die Organisation ist professionell und ausreichend. Man muss sich aber darauf einlassen, dass alles einen recht angestaubten Eindruck macht. Aber hey, dies ist ein Lauf mit langer Tradition. Er hat seine Fans und die wird er auch behalten. Ob ich nächstes Jahr noch einmal starte? Das ist gut möglich.